Wenn Angst Veränderung möglich macht
Ängste gehören zu unserem Leben – und dennoch vermeiden wir sie oft. In einer leistungsorientierten Gesellschaft gelten sie als Schwäche, als etwas, das es zu überwinden gilt. Besser wäre es jedoch unsere Ängste zu nutzen, damit sie zu einem kraftvollen Impuls für Veränderung werden.
Die Möglichkeiten, Ursachen für die epidemische Zunahme von Ängsten und Erschöpfungssyndromen zu ergründen sind mannigfaltig. Antworten darauf geben Philosophen, psychologische Perspektiven gibt es die Fülle und nicht zuletzt ist es auch ein Thema für Soziologen. So erkennt der deutsche Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa in der Unterwerfung des Westens unter ein einseitiges Nützlichkeitsdenken den Kern der Problematik: Optimiere dich selbst, und zwar ständig, lautet der ökonomische Imperativ. Du wärst ein besserer, wenn du ein anderer wärst. So verlieren wir den Kontakt zu unserem wahrem Selbst, zum Mitmenschen, zum Leben selbst. Wer erfolgreich ist, hat recht, d.h. gefragt ist der Nutzen, den Du bringst. Willkommen in der Welt der Resonanzkatastrophen, wenn echte Werte vor allem Marktwerte sind.
Verlust der Traditionen
Die Erzählung von der Ökonomisierung der Seele ist selbst eingebettet in einen grösseren Rahmen. Mit dem Vormarsch von Wissenschaftsgläubigkeit und Technokratie wurden ethische Fragestellungen und Religion zur Geschmacksache und ins Privatleben delegiert. Viktor Frankl erkennt ab den 1970er Jahren die Zunahme von Ängsten und Depressionen im Verlust der Traditionen: «Im Gegensatz zum Tier sagt dem Menschen kein Instinkt, was er muss, und im Gegensatz zum Menschen in früheren Zeiten sagt ihm keine Tradition mehr, was er soll, und nun scheint er nicht mehr recht zu wissen, was er eigentlich will.» Das entstandene Vakuum durch den Verlust der Traditionen wird gefüllt mit Entertainment sowie einer «Yes we can»-Selbstausbeutung des Einzelnen – nicht selten mit dem Abgleiten in ein Burnout und in die Entwicklung von Ängsten.
Somit stellt sich die Frage: Was kann ich für einen besseren Umgang mit meinen Ängsten tun?
Gib dem Kind einen Namen
Nüchtern betrachtet handelt es sich um eine «Energieform». Energie will eingesetzt werden, um uns auf den Weg zu begeben, Neues über uns zu erfahren und Neues in der Welt zu entdecken. Eine positiv gefärbte Aufregung und eine einengende Angst werden von der gleichen Energie gespeist. Entscheidend ist die Bewertung: wenn ich die jeweilige Situation positiv bewerte, entwickle ich eine freudige Erwartung. Wenn negativ entsteht Angst.
Eine bedeutsame Hilfe im Umgang mit Ängsten, ist die Bereitschaft, sich mit ihnen aktiv auseinanderzusetzen, sich der Angst neugierig zu nähern. Sie hat zunächst einmal eine positive Funktion: sie will mich schützen vor (erneuter) emotionaler oder physischer Verletzung. Sie möchte mich aufmerksam machen auf potenzielle Gefährdungssituationen.
Ängste werden erst dann als «dysfunktional» beschrieben, wenn sie mein Leben so einschränken, dass es zu einer Belastung im Alltag wird. Wir verbringen die meiste Zeit unseres Lebens im «Autopiloten», leben unser Leben gesteuert von unbewussten Kräften. Wenn wir uns dieser Kräfte bewusstwerden, können wir eher Einfluss nehmen.
Alles, was einen Namen bekommt und damit eine gewisse Identität, verliert an Bedrohungspotenzial. In einer bereits 2007 an der Universität von Kalifornien durchgeführten Studie haben Forscher entdeckt, dass das blosse Benennen von Emotionen dabei hilft, unangenehme Gefühle zu regulieren. In diesem Fall fährt sofort und messbar die Aktivität im Emotionszentrum (dem limbischen System) herunter und der vormals durch die Emotion blockierte präfrontale Cortex fährt wieder hoch.
Unsere persönliche Freiheit liegt in dem Raum zwischen erlebtem Reiz (eine wie auch immer geartete Form der emotionalen Bedrohung) und unserer Reaktion: in erster Linie unserer Bewertung des Reizes, der Anforderung, die wir an uns herangetragen erleben. Wenn die Angst eine Stimme hätte, was würde sie uns mitteilen? Vorgehen: nähern wir uns dieser Stimme mit einer Haltung des Mitgefühls.
Formuliere ein Mission Statement
Es macht einen Unterschied, ob Du ständig auf fixierte Ziele hinarbeitest (fixed points) oder über deinem Leben einen grösseren Bogen spannst, mit anderen Worten: deiner Mission auf die Spur kommst. Eine «fixed point» Mentalität beschreibt eine Lebenshaltung, wo wir unsere Aufmerksamkeit immer auf etwas in der Zukunft gerichtet halten und nicht achtsam sind für das, was sich in der Gegenwart gerade ereignet. Das spricht nicht gegen gut überlegte Zielsetzungen in deinem Leben. Es bedeutet, du brauchst etwas, dass die Grundlage bildet, auf denen du Ziele formulierst.
«Wer ein wozu hat, erträgt fast jedes wie», sagt der Philosoph Friedrich Nietzsche. Es geht darum, deine Ängste überwinden zu lernen, durch eine sinnstiftende Aufgabe im Leben. Dann wird die Angst zu einem Motor der Veränderung. Deiner Mission kommst du auf die Spur, wenn du dich gemäss Viktor E. Frankl mit der Frage beschäftigst, was am Ende über dein Leben gesagt werden soll. Welches «Erbe» du hinterlassen möchtest, welche Werte du verwirklicht haben möchtest. Stelle Dir somit immer wieder die Frage: Welche Werte drängen ins Leben, wollen in der Welt verwirklicht werden?